Hessenwahl vs. Obama - oder - Was wir von Obama lernen können

Am Sonntagabend gab es den Auftakt zum großen Politiktheater in diesem Jahr. Und während man bei der Hessenwahl mal wieder nur triste deutsche Politik und verstaubte, sich an Standardsätze haltende Politiker sah, konnte man beim Konzert zur Amtseinführung von Barrack Obama einen Hauch von famoser Politikinszenierung sehen. Sicher, der Vergleich hinkt, da die amerikanische Art von Politik und das ganze drum herum eine komplett andere ist, als die deutsche. Doch innerhalb des letzten halben Jahres habe ich so viele mittelmäßige und unwichtige Politiker als Obama-Imitatoren erlebt. Jeder missbrauchte „Yes we can“ und „Change“ um seine eigenen unspektakulären Reden etwas aufzufrischen und wirkte dabei in meinen Augen jedes Mal lächerlich.

Natürlich ist auch ein Obama eine perfekte Inszenierung und Darstellung durch ein Zusammenspiel von Beratern, Organisatoren und vor allem der Medien, doch es wirkt. Das die Politik und ihre Wahrnehmung und Bedeutung für die Menschen immer mehr sinkt, ist nicht zu übersehen. Immer geringer ist das Interesse an Tagespolitik und den Möglichkeiten, aktiv an der Gestaltung des Landes teilzunehmen. Man überlässt die Politik einem Tross von Langzeitabgeordneten und kaum junge, hungrige und idealistische Talente drängen von hinten ins Scheinwerferlicht. In einem übersättigten und dekadenten Wohlstandsland wie Deutschland bzw. der gesamten westlichen Welt ist Politik nur noch eine Meldung zwischen den Sportergebnissen, dem neusten Klatsch der Promis und dem Wetterbericht. Und dabei sind die politischen Meldungen noch die langweiligsten.

Es ist verständlich, dass die Kanzlerin nicht einen Tanz hinlegen kann, während sie von bevorstehenden Firmenpleiten und finanziellen Notsituation spricht. Aber dabei sollte sie auch nicht wirken wie ferngesteuert. Wenn man die Menschen erreichen will, muss man sie auch reizen. Und im Zeitalter der allgegenwärtigen Reizüberflutung muss auch etwas mehr Entertainment in die Politik. Für das geübte und interessierte Auge gibt es viel Show, Inszenierung, Spielchen, Taktieren und Sensationen im politischen Alltag, doch ein Großteil der Menschen sieht einfach nur Anzugträger, die starre Reden halten, kaum Gefühle zeigen, die immergleichen Sätze in jede Kamera sagen und einfach nicht so wirken, als wären sie welche von uns.

Hier kommt wieder Obama ins Spiel. Ein konservativer Texaner würde mir sicher widersprechen, wenn ich behaupte, Obama würde ein Gefühl der Gleichheit vermitteln. Doch er erreicht die breite Masse und das weltweit. Ich wage zu behaupten, würde man eine Umfrage starten, wer bei der nächsten Bundestagswahl Kanzler werden soll und stellt Obama zur Wahl, würden nicht Wenige ihn wählen. Seine Reden versteht nicht jeder Deutscher und die Übersetzungen der Moderatoren sind kaum zu ertragen und dennoch wirkt er wie ein Heilsbringer auf die Menschen. Natürlich ist er telegen und sieht gut aus, doch das alleine ist es nicht. Es ist seine Mimik, seine Augen, die Art wie er seine Reden hält. Das fasziniert, das reißt mit, das berührt. Er sagt den Menschen ganz klar, dass eine harte Zeit kommen wird und trotzdem jubeln sie und lieben ihn. Die Überbringer schlechter Botschaften werden selten gefeiert. Doch er tut dies mit Leidenschaft, man nimmt ihm ab, dass er mit leidet und kämpft. Er wirkt ehrlich und authentisch. Keine lahmen Worte in langatmigen, gefühllosen und kalten Reden.

Zurück in Deutschland. Wahlanalyse zur Hessenwahl. Die Reaktionen der Kandidaten und der Parteiführung sind allesamt so, wie prognostiziert. Die SPD tut Buße und bleibt trotzig bei ihren Durchhalteparolen, die CDU feiert sich zum x-ten Mal als einzige noch verbliebene Volkspartei der Mitte und während Generalsekretär Pofalla das Ziel 40+X für die nächste Bundestagswahl ausruft, ist für ein kurzen Moment ein Ausdruck in seinem Gesicht, der nach Leidenschaft aussieht. Doch gleich danach geht’s wieder zurück in die gewohnte Halbschlafmentalität all jener Volksvertreter. Die FDP feiert sich und während die meisten der in die Kamera grinsenden Liberalen irgendwie immer noch den Eindruck vermitteln, bessere Menschen zu sein (zumindest im Portmonee), gibt sich Guido Westerwelle die Ehre. Er war einst mal ein recht leidenschaftlicher und engagierter Wahlkämpfer, doch auch er wirkt mittlerweile einfach überholt und zu lange dabei. Nur einen anderen hat die FDP nicht und er ist immer noch ein Sehender unter den Blinden. Bleiben noch die Grünen. Hier müsste doch ein idealistischer und charismatischer Jungpolitiker zu finden sein, der es vermag in Deutschland neue Politik zu machen, die die Menschen anspricht. Fehlanzeige. Özdemir ist verpufft, die alte Riege abgenutzt und kaum Hoffungsträger in Sicht.

Aber vielleicht erkennen auch bald die Wahlkampfmanager, dass moderne und vor allem ansprechende Politik einfach einen anderen Weg gehen muss, als bisher. Obama hat das Internet genutzt. Das war eine seit Jahren verlockende und lohnende Möglichkeit, die kaum jemand nutzen wollte. Er hat dieses Medium mit einbezogen. Ab jetzt ist gehört es zum Standard und dennoch verweigern sich viele bei ihrem Wahlkampf dieser Möglichkeiten. Eine spärliche Internetpräsenz und ein Eintrag bei Abgeordnetenwatch.de ist oftmals das Maß der Dinge.

Ich glaube, wenn man die Menschen wirklich wieder erreichen will, die Demokratie beleben will und unser Verständnis für Politik verbessern will, brauchen wir neue Wege und Methoden. Politik muss wieder interessant, spannend, leidenschaftlich aber auch unterhaltsam werden. Nur so wird sie wieder den Weg in alle Schichten der Gesellschaft finden. Nur so wird es eine aktive und lebendige Demokratie geben. Die Lösung ist kein Obama-Klon, denn dieser funktioniert nur in Amerika. Aber ein paar mehr dynamische, ehrliche und vor allem menschliche Politiker wären ein Anfang. Die Nachfrage danach ist enorm. Nun müssen die Parteien und Wahlkampfplaner dafür sorgen, dass es auch ein Angebot gibt. Genug fähige Menschen gibt es in diesem Land allemal.

 

19.1.09 10:34

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