Frank Plasberg präsentiert fünf Menschen, die sich über einen Krieg empören, der medienwirksam ist

Was für ein Abend bei „Hart aber fair“. Frank Plasberg hatte zum mutigen Thema „Blutige Trümmer in Gaza - wie weit geht unsere Solidarität mit Israel?“ geladen. Die Gästeliste bestand aus Rudolf Dreßler, ehemaliger Botschafter in Israel, Michel Friedmann, vermutlicher Vorsitzender der Initiative „Laut sprechen und ins Wort fallen müssen als rhetorische Fähigkeiten und Maßnahmen anerkannt werden“, Ulrich Kienzle, ehemals bissiger Talkmaster und Journalist, Udo Steinbach, Islamwissenschaftler und Nahostkenner (ich vermeide Experte bewusst) und Norbert Blüm, ehemals verwirrter Bundesminister („die Renten sind sicher!“ ) und beliebter Gast bei „Was bin ich?“.

Diese Runde macht sich nun auf den Weg zu erkunden, ob wir unsere auch staatlich garantierte Solidarität mit Israel überdenken oder gar negieren sollten. Die Anteilnahme und das Interesse daran waren schon im Vorfeld sehr groß und von überall verlauteten Kritiken über die Unmenschlichkeiten dieses Krieges. Von allen Schichten der Gesellschaft meldete man sich zu Wort und geißelte abwechselnd Israel, Palästina oder beide. Als gäbe es auf der Welt nur dieses Unrecht taten sich auch die anwesenden Gäste als Vollzeitpazifisten und Menschenrechtskämpfer auf, wurde wie so oft ein medial populärer Krieg dazu benutzt, sich Selbst zu produzieren. Schaut man auf der Weltkarte weiter südlich, findet man genug Beispiele für menschenverachtende und grausame Auseinandersetzungen. Doch wie so oft setzt man sich nur für Afrika ein, wenn gerade Bono und Bob Geldorf im Land sind – denn da kann man auf deren Kosten noch etwas Medienrummel abstauben.

Aber zurück zum Thema. Natürlich beschäftigt dieser Krieg, da mit Israel ein Staat beteiligt ist, der eindeutig als unser Verbündeter gilt und dessen Bürger größtenteils jüdischen Glaubens sind. Dabei passiert vielen der Fehler, auch den Gästen Steinbach und Blüm, Israel mit dem Judentum gleichzusetzen. Weder ist Israel die legitime Vertretung aller Juden, noch sind alle Juden Israelis. Analog dazu sind ja auch nicht alle Deutschen Christen, obwohl unsere Verfassung auf christlichen Werten beruht. Judentum ist eine Religion und keine Staatsbürgerschaft – das sollte man endlich mal kapieren. Und somit sind die Handlungen der Israelis bzw. der israelischen Administration auch nicht die offizielle Haltung der jüdischgläubigen Menschen weltweit.

In der Diskussion sah dies natürlich ganz anders aus. Friedmann, der jüdischen Glaubens ist, wurde sofort mit Israel gleichgesetzt und musste sich als Stellvertreter jeglicher Israelkritik seitens Blüms und Steinbachs stellen. Da aber Herr Friedmann ein lauter, manipulativ argumentierender und windiger Rhetoriker und Provokateur ist, verschärfte er das herrschende Klima noch zusehends. So erwähnte Plasberg zu Recht, dass viele Menschen Friedmann als Jude wahrnehmen, der gängige Klischees bestätigt und teilweise Ressentiments weckt. Doch hier gilt meiner Meinung nach ein Paradoxon, was oftmals bei Jugendlichen auftritt. Wenn Jugendliche, die einwandfrei deutsch sind, etwas schlechtes anstellen, wird dies oftmals damit entschuldigt, dass sie halt in einem schwierigen Alter sind. Tun dies nicht einwandfreie deutsche – also Jugendliche mit Migrationshintergrund wie das neudeutsch heißt – sind sie sofort krimineller Abschaum, der abgeschoben gehört. Also ich kenne auch genug Deutsche, bei denen ich froh wäre, man könnte sie einfach abschieben. Wie so oft fällt es bei den Deutschen leichter, darüber hinweg zu sehen. Und so auch bei Friedmann – wäre er nur deutsch, ohne das Attribut Jude, dann würde er kaum Gemüter erregen. Und das ist das Problem – Jude wird häufig als Nationalität verstanden. Aber zurück zur Talkrunde.

Obwohl ich Friedmann  meist auch als unerträglich empfinde, war er mir an diesem Abend noch einer der sympathischsten Gäste. Dreßler war sehr anständig und als einziger immer ruhig und konzentriert, Kienzle hatte kleine verständliche Aussetzer, da er direkt neben Friedmann saß und sein rechtes Ohr unter anhaltender Lärmbelastung zu leiden hatte. Blüm wirkte für mich völlig fehl am Platz und sollte wirklich nur noch bei Quizsendungen mitmachen, aber nicht mehr in ernsthaften Runden Platz nehmen. Fehlt noch Herr Steinbach.

Steinbach argumentierte am lautesten, bildhaftesten und hartnäckigsten gegen Israel. Ich mag weder die eine noch die andere Seite verteidigen, denn ein Krieg kennt nur Verlierer. Es gibt für mich keinen Guten oder Bösen in diesem Krieg. Der Konflikt überdauerte schon viele kluge Köpfe und Bemühungen, da werden die Ansichten dieser Herren auch nichts ändern.

Und dies erkannte scheinbar auch Plasberg und bestimmte als letzten Schwerpunkt der Sendung Antisemitismus in Deutschland und die Frage danach, ob die Verbrechen gegen die Juden unter Hitler noch heute Wiedergutmachung verlangen.

Die Meinungen gingen auseinander. Ich finde wir haben nach wie vor eine Verantwortung gegenüber den hier lebenden Menschen jüdischen Glaubens, sowie der jüdischen Kultur und Religion. Gegenüber dem Staat Israel haben wir nur die Verantwortung, welche wir all unseren Bündnispartnern und befreundeten Staaten gegenüber haben. Denn ich finde, nur so schafft man die notwendige Distanz, dass die heutigen Aktionen Israels nicht mit den Angehörigen der jüdischen Religion gleichgesetzt werden.

(Eine Administration spricht nun leider trotz Demokratie nicht immer für das Land. Auch die Bürger der USA sind bzw. waren nicht ansatzweise so dumm und weltfremd wie Georg W und seine Gehilfen.)

Das Thema Antisemitismus ist nach wie vor vorherrschend und in den meisten Köpfen verankert. Und hier muss ich einem in diesem Moment sehr emotionalen Friedmann Recht geben, der sagte, dass kein Mensch als Rassist oder Antisemit geboren wird. Also mehr Bildung, Aufklärung und vor allem Zusammenarbeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, viele verurteilen Ausländer, Juden und andere gängige Feindbilder, obwohl sie selbst keine kennen. Es ist leicht, jemand zu hassen, den man nicht kennt. Doch Menschen, deren Gesichter man kennt, deren Lachen man kennt, die einem sogar sympathisch sind, zu verurteilen, aufgrund ihrer Herkunft oder des Glaubens, fällt einem weit schwerer. Die Meinungen vieler Zuschauer und die Gästebucheinträge auf der Seite von „Hart aber fair“ sind ein trauriger Beleg für einen sehr aktiven Antisemitismus.

Die Dummheit der Sendung stammt von Herrn Steinbach. In einem Einspieler wurden Gesänge in Fussballstadien gezeigt, bei denen Jude als Beleidigung benutzt und „Eine U-Bahn bauen wir....von ??? bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir“ gesunden wurde. Das sollte den vorhanden und auch offen gezeigen Antisemitismus thematisieren.  Auch mir sind solche Äußerungen von sogenannten Fussballfans, ich nenne sie einfach mal ungebildete, planlose, im Leben gescheiterte und gesellschaftsunnütze Vollidioten, bekannt. Sie haben bis heute nicht begriffen, dass sie „Ihren“ Vereinen damit nur Schaden zu fügen. Die Ursache für solche Beleidigungen liegen darin begründet, dass die Beschimpfung als Jude im Dritten Reich quasi DIE Beleidigung schlecht hin war und jeglicher Vergleich mit Maßnahmen der Nazis das höchste Maß an Verachtung und Hass ausdrückt. Dies gekoppelt mit fanatischen Vereins-Anhängern ohen historisches Verständis ergibt solche Entgleisungen. Diese Leute interessieren sich jedoch weder für Gaza, noch den Nahostkonflikt.

Ganz anderer Meinung ist der Herr Steinbach. Dieser behauptet doch ernsthaft, diese Sprechgesänge seien ein Ausdruck der Verachtung der Zustände in den Palästinenser-Gebieten.

Insgesamt brachte die Sendung außer hitzigen Duellen und den immergleichen Fragen, was erlaubt ist für Deutsche, kaum neue Ansätze. So musste auch standardmäßig festgestellt werden, dass die von Nazis besetzen Begriffe heutzutage zwar immer noch in unserer Sprache vorhanden sind, aber vorsichtig benutzt werden sollten. Die Zuschauer wurden mit Sicherheit durch das Hohe Maß an Konfrontation der Talkgäste ebenfalls angeheizt. Doch eine wirkliche Ursache für den Konflikt Nahost wurde weder gesucht und gefunden - obwohl dieses Wissen für die Meinungsbildung vieler Zuschauer zweckmäßig wäre. Das eigentliche Thema der Sendung konnte bei so viel Emotionalität und verbissener Diskussion nicht nüchtern genug betrachtet werden. Was bleibt? Ein bisschen Kritik an den Palästinensern, mehr Kritik an Israel, ganz viel Kritik an Herrn Friedmann und der deutschen Haltung.

Zumindest vom Unterhaltungsfaktor her ein gutes Ergebnis. Eine aufregende Sendung war es allemal.

 

 

22.1.09 11:51

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