Bleib standhaft, Freiheit!

Nach einer kleinen Pause bin ich wieder zurück. Zugegeben der nächste Text wird sehr idealistisch, aber schwierige Zeiten erfordern die Rückbesinnung auf Tugenden und Ideale. Leider schreibe ich aus dem traurigen Anlass der Ereignisse in Norwegen. Das Geschehen dort war ja schon ziemlich heftig und hat einen wirklich erschaudern lassen. Und das in dem Jahr, das schon Fukushima gesehen hat. Eigentlich dachte man ja, so langsam ist man gegenüber schlechten Nachrichten resistent, denn die Zeitungen und Nachrichtensendungen sind voll damit. Allerdings es ist für den Europäer und speziell den Deutschen natürlich ein Unterschied wo die Tragödie passiert. Fukushima passierte auf der anderen Seite der Welt – eine der schlimmsten Katastrophen aller Zeiten mit noch nicht geklärten Folgen. Die Reaktionen waren dafür verhältnismäßig gering. EHEC hat da schon mehr ausgelöst, weil es scheinbar direkt vor unserer Nase passierte. Also blieben die Folgen von Fukushima für uns eigentlich nur der Atomausstieg, was nichts anderes war (so sehr ich ihn begrüße) als die populistische Reaktion inkompetenter Politiker, die erst jetzt eingesehen haben wollen welche Folgen ein GAU haben kann. Wenn Leute an der Spitze der Politik und Aufseher über die Atomkraftwerke erst jetzt begreifen, welche Gefahr davon ausgeht, dann ist dies an schrecklicher Dummheit nicht zu überbieten. In einer ähnlichen Relation begleitet uns nun dieses Ereignis. Norwegen ist eines der Musterländer Europas, auf das sich unsere Politiker gerne beziehen, wenn es gerade um vorbildliche Sozialstaatlichkeit, Schulsysteme und Gesellschaft geht. Und gerade dort schlägt ein selbst ernannter Retter des Abendlandes zu. Norwegen ist den Deutschen auch viel näher als Griechenland oder Portugal und man identifiziert sich eher mit jenen Menschen und somit ist ein solcher Anschlag auch hier vorstellbar. Natürlich ist es schon makaber, dass Europa um knapp 90 Tote trauert (die BILD hatte die Namen aller Opfer auf Seite 1), während in Ostafrika tägliche weit mehr Leute einen mindestens genauso grausamen Tod sterben. Als Abwehrreflex könnte man natürlich sagen, dass ist nicht unsere Schuld und wir Deutschen können ja nicht immer helfen. Aber über das Ursache-Wirkungsprinzip in armen Ländern sollten ehemalige Kolonialherren wie die Europäer schon ihre Beteiligung an der verfehlten Entwicklung dort eingestehen. Und ohne Frage ist es purer Wahnsinn, dass die reichsten Länder der Welt Milliardenbeträge hin und her schieben und dies fast unbürokratische innerhalb weniger Wochen möglich ist, während man es nicht schafft, genügend Lebensmittel für Afrika bereit zu stellen.

 Aber zurück zum Attentat von Norwegen, denn die damit zusammenhängenden Abläufe sind von weitreichender Bedeutung als mancher zu wissen scheint. Dennoch sollte man sich immer ins Gewissen rufen bei all der Jammerei über unsere ach so schlechte Lebenslage und Armut, dass keiner von uns Armut kennt und niemand Hunger leidet. Selbst den Ärmsten in diesem Land wird noch geholfen und am Hungertod stirbt hier schon lange niemand mehr.

Wie nach allen schlimmen Ereignissen die durch Terroristen und Attentäter ausgelöst werden, geraten danach deren Motivationen und Hintergründe ins mediale Interesse. Reflexartig berichteten am vergangen Freitag nach der Explosion in der Osloer Innenstadt erste Sendungen über die Verwicklungen Norwegens in den Libyen-Krieg und die Ermordung Bin Ladens. Scheint logisch, wenn in einer westlichen Großstadt eine Bombe explodiert müssen Islamisten beteiligt sein. Zugegeben selbst mir ist dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, obwohl ich eigentlich schon länger um die Gefahren rechtsextremer und christlich fundamentaler Spinner weiß. Aber selbst als aufgeklärter Mensch lässt man sich von medialer und politischer Hetze unterschwellig beeinflussen und so hat das Bild des Selbstmordbombers immer einen Araber als Motiv. Aus dieser Sicht ist der aktuelle Täter ein Befreiungsschlag gegen Stereotypen und Vorurteile. Denn es bestätigt, dass die Menschen alle gleich sind. Hautfarbe und Herkunft spielt keine Rolle – Bildung, Aufgeklärtheit und Toleranz schon. Und so trägt der Boden der Intoleranz, des religiösen oder politischen Fanatismus und der Hetzerei erste Früchte. Dazu fallen mir immer zwei Sätze ein – es gibt überall Leute die scheiße sind (etwas simple und krass formuliert) und „Niemand wird als Rassist geboren“. Für konservative Angstmacher und Zukunftspessimisten ist dies ein weiterer Rückschlag, denn erneut müssen sie sich von einem ihrer Klischees verabschieden, dass ihre Vertreter so lange in „Expertenrunden“ aufrechterhalten wollten. Attentäter sind nicht länger nur Islamisten, so wie nicht alle Amokläufer Egoshooter-spielende Schulversager aus Schützenvereinen sind.

Dass es auch in Europa und den USA fundamentale Fanatiker gibt, ist schon länger bekannt, doch dass sie ihren Hass gegen die eigenen Landsleute richten, hat selbst viele Hardliner überrascht. Dabei sind die öffentliche Wahrnehmung sowie die Steuerung von Gegenmaßnahmen mal wieder Jahre hinterher. So wie einst beim militanten und fundamentalen Islamismus, der seine Wurzeln in den 1920er Jahren hat und spätestens seit den späten 1980er Jahren als organisiert angesehen werden kann, ist auch rechtskonservativer und/oder christlich-fundamentaler Fanatismus keine Neuigkeit mehr. Aber so wie es 9/11 brauchte um die Problematik des Islamismus zu ergründen (worunter die Araber selbst mehr leiden, als die Europäer oder Amerikaner), brauchte es nur scheinbar diesen schwarzen Freitag in Norwegen, um genauer zu schauen, was da mitten unter uns vor geht. Religiöser Eifer und politischer Intoleranz kollaborieren in den USA schon seit vielen Jahren. Führende Demagogen und Hetzer bestimmen das Geschehen der Neuen Christlichen Rechten Bewegung (die so neu gar nicht mehr ist) in den USA und haben die Republikaner teils schon übernommen. Auf FOX News laufen 24h am Tag als Nachrichten getarnte Meldungen aus Sicht der christlich-konservativen weißen Bevölkerung über den Bildschirm. Das Zielpublikum sind vorwiegend weiße Amerikaner in ländlichen Gebieten sowie die Unterklasse der Arbeiterschaft. Es wird ihnen gezielt vermittelt, dass sie die Verlierer der aktuellen Weltentwicklung sind und Amerika droht unterzugehen. Dass ihre Arbeitslosigkeit und Verarmung eher durch ihre mangelnde Bildung sowie das Missmanagement der Großkonzerne (Beispiel General Motors) und Banken  entstanden ist, denn durch Migranten und islamistische Weltverschwörer verschweigen ihnen ihre Wortführer. Nach diesem kleinen Ausflug in die amerikanische Gesellschaft zurück nach Europa. Denn auch hier sind solche Entwicklungen längst keine Neuheit. Die Schuld für unser so krisenhaftes Land sucht nicht nur Thilo Sarrazin bei türkischen und arabischen Migranten. Die BILD hetzt gegen Griechen und andere Europäer,  ein Klima des Misstrauens und der Feindseligkeiten macht sich breit. Ginge es nach Sicherheitspolitikern, würde alles und jeder überwacht. Doch das kann doch nicht die Lösung sein. Unbestritten ist die Gesellschaft im Wandel, die Schrecken von Krieg und Vernichtung kennt niemand mehr und das Wohlstandsdenken ist auf dem Höhepunkt.

 Jeder will, dass er ein Maximum an Wohlstand und Sicherheit hat und das am besten für lau. Die vielen Jahre des Friedens und der Wegfall des Ostblockes hat vielen Europäern den Kopf verdreht. Ohne das Feindbild im Osten brauchen Politik und Wirtschaft neue ideologische Feinde um ihre eigenen Interessen durch zu setzen. Doch hier braucht es die Gesellschaft. Das Wort Staat ist ausgelutscht und sollte nicht immer als Bösewicht und Retter zu gleich dienen. Die Gesellschaft ist gefordert. Denn aus ihr kommen die Politiker, Manager und möglichen Attentäter von Morgen. Und  sie entscheidet über Werte und Normen. Grenzen wir andere aus und hüllen uns in ein Klima des Misstrauens und des Hasses oder sind wir aufrechte Demokraten? Es widert mich an, wie degeneriert das Verständnis in vielen Teilen der Bevölkerung für die größten Errungenschaften der Menschen sind. Freiheit, Toleranz, Demokratie, Menschenrechte – das waren einst Werte für die viele Menschen starben. Heute sind es leere Phrasen, dessen sich kaum einer mehr bewusst ist. Doch diese Worte sind der Grund, warum es immer noch unzählige Menschen nach Amerika und Europa zieht. Es ist nicht nur das Geld, es sind unsere Werte. Doch an jeder Straßenecke und in jeder Kneipe hört man Sätze wie „denen in Berlin müsste man eine Kugel geben“ oder „die scheiß Kanaken sind schuld“. Und das sind jetzt keine fiktiven Ereignisse sondern Erlebnisse die ich leider zu oft machen muss. Ich frage mich, ob dies der Boden ist auf dem neue Extremisten wachsen oder ob dies vielleicht schon die ersten Früchte sind. Doch die Leute, die so was von sich geben, müssen sich fragen, ob das die Einstellung ist mit denen sie ihre Kinder erziehen wollen. Denn wenn andere Eltern eine ähnliche Ansicht haben, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn ihre Kinder eines Tages nicht vom Ferienlager zurückkommen, weil ein zu Hass und Intoleranz bekennender Fanatiker das wahr gemacht hat, was viele aus einer Dummheit heraus fordern.

Deshalb gebührt denen Respekt und Anerkennung, die trotz persönlicher Opfer ein klares Statement zu unseren europäischen Werten und Rechten abgeben. Denn während Europa mittlerweile nur noch auf seinen wirtschaftlichen Nutzen oder eben Nichtnutzen reduziert wird, ist es für mich immer noch die Vision einer vereinten Staatengemeinschaft die aus fast 2000 Jahren Krieg und Konkurrenz gelernt hat und die nächste Stufe der menschlichen Entwicklung anpeilte – nämlich dauerhaftes friedliches Miteinander. Das ist wieder viel Naivität und Ethos, aber in was für einer Welt will man leben? Wir überlassen heute alles den Bossen, Managern und Politkern. Wir sind bequem und unzufrieden. Wir schätzen finanziellen Reichtum mehr als Gesundheit, Freiheit und Frieden. "Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit" stammt von Aldous Huxley. Wir wissen unser Glück einfach nicht zu schätzen.  Vielleicht muss unserer Gesellschaftsordnung erst erneut bedroht werden, damit jeder seinen Hintern hoch bekommt und sich emanzipiert als freiheitsliebender Europäer. Oder man geht jammernd und schimpfend unter. „Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten“ sagte einst Albert Camus.

Ich hoffe die norwegische Linie der Offenheit und Toleranz bleibt bestehen und ist ein Vorbild für alle Europäer.

28.7.11 16:43

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen