Fantastisch!

In Zeiten gehirntötender Fernsehunterhaltung geht ein Element fantastischer (abgeleitet von Fantasie) TV-Sendungen an uns vorbei, obwohl der Unterhaltungswert doch sehr hoch ist. Die Rede ist von Dauerwerbesendungen der klassischen Art. Haushaltsutensilien, Wunderpasten und Sportgeräte werden neben musikalischen „Highlights“ angepriesen. Und wenn man sich wohl bewusst ist, dass die dort gezeigten Produkte halt nur in einer Hinsicht unglaublich und fantastisch sind, nämlich der Art ihrer Anpreisung durch laienhafte aber dennoch sehr sympathische Marktschreier des Mediums Fernsehen, dann bieten diese Sendung noch einen gewissen Reiz an Unterhaltung.

Als Beispiel möchte ich zwei meiner Favoriten vorstellen. Zum einen sind Sportgeräte und vor allem Geräte ohne Sport mit sportlichem Erfolg meine absoluten Highlights. Hier wird dem Zuschauer suggeriert, dass er nur durch anlegen irgendeines Wundergürtels Muskeln aufbaut ohne auch nur etwas dafür zu tun. Vorgestellt wird dies alles von durchtrainierten und leicht bekleideten „Profis“ irgendeiner Sportart bzw. der Fitness. An sich noch wenig spektakulär, doch das wahnsinnige Wunderergebnis kommt noch. In klassischer Manier gibt es dann die Vorher – Nachher – Ansicht. Und erst hier wird’s richtig spannend. Nicht das scheinbar problemlose Aufbauen von Muskeln durch elektronische Impulse ist das Meisterwerk, nein die Nebeneffekte. Auf dem Vorherbild ist meist ein durchschnittlicher weißer Mann zu sehen. Also etwas Hüftspeck, Brustbehaarung, wenig spektakulärer Haarschnitt und gebeugte, vom Büroalttag gebeutelte Haltung. Jetzt wird das Wundergerät eingesetzt, was ja nur Bauchmuskeln oder ähnliches aufbaut, und siehe da – ein gut frisierter, braungebrannter und ganzkörper enthaarter Mann ist zu sehen. Offenbar immer noch derselbe Typ, doch scheinbar hat das Wundergerät all seine Makel behoben – fantastisch! Analog gibt’s dies auch bei den Damen – dort ist die wundersamste Veränderung neben einer absolut neuen und stylischen Frisur, sowie perfekten Make-up ein professionell gestaltetes Delkotee.

Mein zweites Beispiel ist nicht das Messerset, welchen Nägel und Tomaten gleichermaßen schneiden kann oder etwa der Stift, der Kratzer im Lack beseitigt – nein, es ist die unglaublich fantastische CD – Kollektion von Wolfgang Petry „Wolfgang Petry – seine großen Erfolge“. Ich könnte auch die parallel laufende Kollektion der Kastelruther Spatzen vorstellen, bei der damit geworben wird, dass ein Lied sogar einen Komapatienten hat aufwachen lassen (über die Ursachen lässt sich spekulieren) doch der Wolle hat einfach den höheren Unterhaltungsfaktor und die bessere Begründung, warum wir diese CD´s kaufen sollten. Vorgestellt wird das Produkt von niemand geringerem als seinem Sohn Achim. Dieser preist die Sammelbox an und erzählt nebenher in umwerfend lockerer Art von seinem Vater und kleinen Geschichten zu den Liedern. Besonderen Wert legen dabei Achim sowie die Verkaufsstimme aus dem Off (Bezeichnung im Fernsehen für Stimmen ohne physisches Pendant auf dem Bildschirm – kleiner Exkurs im 1x1 der Television: weiteres Beispiel aus dem Mainstream: Desperate Housewives – hier wird die Handlung von einer Stimme aus dem Off eingeleitet und untermalt) auf die Fanverbundenheit vom Wolfgang. Dies wird gebetsmühlenartig wiederholt und führt nur zum logischen Schluss, sich diese CD-Box kaufen zu müssen. Um die 40 Euro soll man dafür hinlegen und bekommt neben einem (vermutlich in chinesischer Kinderarbeit hergestellt) Fanarmband noch eine CD von Achim Petry dazu. In Zeiten von Onlinevermarktung und Downloads erscheinen teure CD-Boxen als Auslaufmodell. Anderseits ist die erwünschte Zielgruppe sicherlich durch so was eher zu erreichen, trotzdem ein Kuriosum, dass die Fans als wichtiges Motiv erwähnt werden und dennoch ein für heutige Verhältnisse in der Musikbranche zu hoher Preis verlangt wird. Ob dies jedoch eine Initiative von Wolle ist, der noch mal abkassieren will oder einer Plattenfirma, die routinemäßig die Fanwiese abgrasen will und den Achim promotet, bleibt offen.

Bleiben wir beim Thema Musik. Momentan sind zwei Frauen im Wettstreit um die meisten Singleauskopplungen aus einem Album. Beyoncé und Lady Gaga (die nach diversen Penisvorwürfen wörtlich mit einer „beleidigten Vagina“ reagierte) werfen einen Hit nach dem anderen auf den Markt und das ungewöhnlich schnell. Wie man vor allem bei One-Hit Phänomenen beobachtet, wo ein Titel möglichst lange am Leben erhalten wird und man nur zögerlich neue Singles vom Album auskoppelt und veröffentlicht, scheinen die beiden eine neue Strategie zu fahren. Selbst das im letzten Jahr extrem erfolgreiche und gefeierte Debütalbum von Katy Perry brachte in Deutschland nur drei Singles hervor, während Lady Gaga innerhalb von knapp einem dreiviertel Jahr die vierte Single rausbringt, wobei selbst Pokerface immer noch die Radiostationen beherrscht und mittlerweile zwei Nachfolger hat (Lovegame, Paparazzi). Ebenso Beyoncé, die jetzt Single vier und fünf fast nacheinander auskoppelt.

Früher galt mal das Motto, man solle nie eine neue Single veröffentlichen, solange die andere noch angesagt ist und entsprechende Verkäufe liefert. Aber wie schon erwähnt, hat sich die Musikindustrie verändert. Ein spätes Comeback feiert „Ayo Technologie“ von 50 Cent und Justin Timberlake (produziert von Timbaland), dass neuerdings wieder recht häufig läuft. Vermutlich hat die Softy-Version von Milow dazu beigetragen. Dass die meisten Hörer dieses Liedes nicht bescheid wussten über den doch sehr anzüglichen, fast schon pornografischen Inhalt des Stückes bestätigt nur die alte „Modern Talkíng“ – Weisheit: es muss nur irgendwie so klingen, dass es ein Ohrwurm wird, doch was wir da singen, muss weder Sinn ergeben, noch vom Zuhörer verstanden oder gar geteilt werden. Aktuelleres Beispiel ist Jeanette Biedermann, die auch nur wirres Kauderwelsch singt, doch dazu noch einen schlechten Beat abliefert, der nur wie ein Abklatsch der in den letzten Jahren erfolgreicher Künstlerinnen klingt (Kylie Minogue, Nelly Furtado, Madonna). Aber deshalb taucht ihre Musik kaum noch in den Verkaufslisten auf.

Ein neues Album haben jetzt auch die mittlerweile internationalen von „Tokio Hotel“. Zumindest das erste Video ist absolut seltsam. Ein scheinbar recht teures, aber wie so oft mies animiertes, Video mit Robotern passend zum Songtitel „Automatisch/ Automatic“ und einem Frontmann, der noch mal einen drauf setzt in Sachen mieses Kostüm. Schon „The Killers“ – Frontmann Brandon Flowers hat mit seinem Federkostüm für Fremdschämen gesorgt, doch diese Mischung aus Fell, Federn und Bill Kaulitz ist selbst für seine Verhältnisse einfach nur noch schräg (sieht aus wie ein Ganzkörper-Muff).

So damit wären auch diese Gedanken niedergeschrieben und damit aus dem Kopf raus, damit mehr Platz ist für etwas Sinnvolles.

 

In meinem letzten Beitrag hab ich noch offen gelassen zum Thema Schweinegrippe sowie Terrorismus auf Mallorca ein paar Worte los zu werden. Doch wie auch momentan aus der Öffentlichkeit etwas verbannt hat das Thema auch kaum noch Relevanz in meiner Gedankenwelt. Aber eines muss hier noch mal gesagt werden, denn diese Logik ist einfach unschlagbar. Nachdem die Anschläge Mallorca erschütterten, haben pfiffige Journalisten von diversen Boulevardmagazinen Touristen befragt, ob sie ihren bevorstehenden Urlaub trotzdem antreten werden. Die beste Antwort lautete in etwas so: „der Urlaub ist bezahlt, jetzt müssen wir da auch hin“. Das ist, was ich an meinen Landsleuten so liebe und was den modernen Menschen ausmacht. Dieser herdenhafte (von Herde, nicht vom Herd) Trieb, etwas tun zu müssen, weil es scheinbar von einer überirdischen Kraft so vorbestimmt ist. Ein sehr nettes Beispiel findet man im Straßenverkehr tagtäglich. Man stelle sich eine Kreuzung vor, vierspurig, stark befahren, zwei Bundesstraßen treffen hier aufeinander. Der Verkehr wird von einer Ampel geregelt und diese hat einen vom Verkehrsleitsystem bestimmt Umschaltintervall. Dieser ist abhängig von Verkehrsaufkommen, Statistiken und Berechnungen. Der Autofahrer bekommt grün, dann bekommen auch die Fußgänger rechter und linker Hand grün (außer es gibt nen grünen Pfeil). Der Ablauf ist immer gleich und auch für fast alle Kreuzungen in Deutschland Standard. Und dennoch, da kommt dieser Fußgänger, der schon von weitem sieht, wie es abläuft. An sich würde er ohne weiteres stehen bleiben und wie in Trance dem vorgegebenen System folgen. Doch siehe da, an der Ampel ist etwas gelbes (ui, das ist ne Signalfarbe) und das auf Höhe der Hände. Sei es ein Signalgeber für Blinde oder ein Relikt aus der Zeit, wo hier noch ne Fußgängerampel stand. Und trotz aller Logik, die schon vermittelt, dass hunderte Autos nicht aus dem Ampelrhythmus gebracht werden, weil eine Person drückt – wird dieser gelbe Wunderkasten bedient. Selbst wenn gar kein Schalter dran ist, drücken die Leute wie verrückt davor. Sei es die Gewohnheit, an Ampeln was drücke zu müssen oder nur der naive Glaube daran, dass all diese Autos und die gesamte Verkehrsführung (die ja nicht nur eine Ampel, sondern alle Ampelphasen einer Stadt/Zone synchronisiert – im Idealfall) jetzt sofort stoppen, weil diese für den Verkehr unbedeutende Person drückt. Und weil der Erste gedrückt hat, tun dies auch noch weitere Passanten, die davor zum stehen kommen. Sollte in diesem Moment rein zufällig grün für Fußgänger kommen, dann sind wieder weitere Anhänger dieses Glaubens gefunden, die fleißig Knöpfe drücken, weil – und jetzt kommt das schöne – Knöpfe zum drücken da sind und deshalb müssen wir das tun. Ob im Fahrstuhl, wo schon die entsprechende Nummer leuchtet – fast jeder Neueinsteiger drückt zur Sicherheit noch mal „sein“ Stockwerk.  Fantastisch!

 

Playlist

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David Guetta feat. Akon – Sexy Chick / Paul Kalkbrenner – Sky And Sand / Paul Kalkbrenner - Atzepeng / Jay-Z feat. Rihanna & Kayne West – Run This Town / Justice – Phantom Pt. I / Justice – Phantom Pt. II / K.I.Z. feat. Sido – Das System (die kleinen Dinge) / Death Cab For Cutie – Soul Meets Body / Red Hot Chili Peppers – Easily / Red Hot Chili Peppers – The Velvet Glove / Johnny Cash – One / Depeche Mode – It´s No Good / Depeche Mode – Behind The Wheel / Depeche Mode – Personal Jesus / Billy Idol – Flesh For Fantasy / Coldplay - Politik

 

10.9.09 10:02

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